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Elementarteilchen

Wo sich alles schnell verändert, scheint alles unscharf zu sein.

Das liegt am Auge des Betrachters. Wer sich nicht mitbewegt, sieht schlecht. Ganz besonders im Fußball.

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Altersdemenz

Griechenland ist aus der EM ausgeschieden. Das ist keine Überraschung. Italien ist raus und Frankreich auch. Das ist auch keine Überraschung. Denn alle drei Teams litten schon länger an Altersdemenz. Sie alle dachten, alles bleibt beim Alten.

Dabei hätten gerade die Griechen dies besser wissen müssen. Denn schon die alten Griechen wussten: Panta rhei (griech. Alles fließt). Nichts ist von Bestand. Und wer das weiß, sieht mehr als andere. Aber Rehakles ist eben nicht Heraklit.

Aber mal ehrlich: Dass sich alles verändert, ist im Grunde unerfreulich. Es bringt Unruhe ins Leben, und nur selten liegt der Vorteil der steten Bewegung auf der Hand. Wo immer die Veränderung ihr Werk tut, ist das Jammern nicht weit, und wo sie ignoriert wird, ist es noch schlimmer. Warum haben wir das nicht vorher gewußt?

Säulen der Blöden

Vielleicht hätte Donadoni besser Machiavellis ‘Il principe’ studiert, dann hätte er vielleicht gelernt, was nötig ist, um gewonnene Macht zu erhalten. Und Domenech hätte sich besser an René Descartes Leitspruch ‘Cogito, ergo sum’ (lat. Ich denke, also bin ich) gehalten. Dann hätte er sich nämlich denken können, dass ein verblühter Thierry Henry Chancen versiebt, die er früher leichtfüßig versenkt hat. Er hat es sich nicht gedacht. Also ist er nicht mehr. Nicht mehr Trainer von Frankreich. Es sei denn der französische Verband sieht das Problem nicht.

Aber bitte soll dann keiner sagen: Warum haben wir das nicht vorher gewußt?

Das waren sie nämlich wieder. Die Säulen der Blöden:

-Überheblichkeit

-Kurzsichtigkeit

-Sturheit

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Aus eben diesen Gründen sind die drei o.g. Teams denn ja auch rausgeflogen: Frankreich, weil sie so überheblich waren und glaubten, es auch ohne Zidane oder einen seiner Brüder im Geiste (Samir Nasri z.B. durfte gerade mal 32. Minuten in drei Spielen spielen) zu bewältigen.

Italien, weil sie so kurzsichtig waren und glaubten, dass alle gemauerten Wege nach Rom (sprich Wien) führen.

Und Griechenland, weil sie so stur waren und glaubten, mit dem System von 2004 ihren Erfolg wiederholen zu können.

Säulen der Erde

Anders hingegen die Deutschen. Sie sind ständig in Bewegung. Dir Art der Bewegung ist nur das Problem. Denn sie pendeln zwischen souveräner EM-Klasse (gegen Polen), internationaler Kreisklasse (gegen Kroatien) und spielerischem und taktischem Hochglanz (gegen Portugal). Was fehlt ist die Konstanz um von einer hohen Welle nahtlos zur nächsten hohen Welle zu reiten. Und das die deutsche Mannschaft überhaupt immer mal wieder auf einer hohen Welle gleiten darf, verdankt sie nebenbei einem Schweizer. Sein Name: Urs Siegenthaler. Sein Verdienst: Den deutschen Spielern in Zusammenarbeit mit Löw moderne Fußballtaktik beigebracht zu haben.

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Wie aber schon in meinem letzten Blog erwähnt, wird es für die deutsche Mannschaft schwierig, wenn auch der Gegner etwas von Taktik versteht (siehe Spiel gegen Kroatien).

Was ist also zu tun, damit die DFB-Elf auch in Zukunft um WM- und EM-Titel mitspielen kann? Ganz einfach: Es müssen bessere Spieler her. Denn Lahm, Ballack und Mertesacker reichen nicht aus.

Das einfachste wäre natürlich einfach ein paar brasilianische Ballartisten einzubürgern. Diemal aber richtig, denn der erste Versuch war ja eine einzige Lachnummer, die viele schon versuchten für immer zu vergessen. Genau, die Rede ist von Paulo Roberto Rink, dem Berti Vogts in geistiger Umnachtung im September 1998 zum deutschen Fußballnationalspieler machte.

Wie man so eine brasilianische Infusion effektiver gestaltet, haben uns die Kroaten mit Eduardo da Silva (10 Tore in 12 EM-Qualifikationsspielen), die Spanier mit dem Mittelfeldstaubsauger Marcos Senna (ohne seine Defensivqualitäten hätten die Spanier das Halbfinale nicht erreicht) die Portugiesen mit Deco (da trauern sogar die Brasilianer, dass sie ihn einstmals ziehen ließen) und Pepe und die Türken mit Mehmet Aurelio vorgeführt.

Aber wollen wir dahin? Machen dann Nationalmannschaften überhaupt noch Sinn? Um Mißverständnissen vorzubeugen, nichts ist auszusetzen an Spielern mit ausländischen Wurzeln, die in dem jeweiligen Land aufgewachsen sind. Beispielsweise wäre es logisch und nachvollziehbar wenn die Altintop-Brüder, die in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen sind, für Deutschland spielen würden ebenso wie die gebürtigen Berliner Niko und Robert Kovac. Podolski und Klose wären dann aber schon Grenzfälle, wie auch Gerald Asamoah.

Andererseits sollten man dies alles nicht so eng sehen, immerhin haben wir ja gelernt, dass nichts ewig währt, da eben alles in Bewegung ist. Herkunfts- und Landesgrenzen eingeschlossen.

Doch vor lauter Bewegung sollte man dennoch das große Ganze nicht aus dem Auge verlieren. Und dies ist nun mal die Tatsache, dass Deutschland zu wenige gute Fußballer produziert. Fußballer, die aufgrund ihrer individuellen Klasse Spiele entscheiden können, wenn sich beide Teams taktisch neutralisieren.

Wie wir mittlerweile auch wissen, sind die Deutschen hierbei jedoch nicht allein. Das Spanier, Türken, Portugiesen etc. auf fremde Hilfe vertrauen ist geklärt. Auch die Italiener sind mit einem ‘Fremden’ (Mauro Camoranesi) Weltmeister geworden. Und die Engländer können mehr als ein Lied davon singen, dass sie bessere Spieler brauchen, nachdem sie sich noch nicht einmal für die Euro 2008 qualifizieren konnten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang deshalb auch die Aussage des selbstherrlichen Fußballgotts Sepp, der im Allgemeinen vor assimilierten Spielern und im Speziellen vor den „Invaders“ (engl. Eindringlingen) vom Zuckerhut warnte. Wen er damit meint, sind Brasilianer, die alles außer dem kanariengelben Selecao-Trikot überstreifen (Stichworte: Ailton, Katar).

Die Frage ist nur, wie es dazu kommen konnte? Warum sind gerade brasilianische Fußballer so begehrt? Offensichtlich weil sie besser als andere sind. Oder anders formuliert, wir leben auf einer Erde, auf der in mehr als zweihundert Ländern Fußball gespielt wird, aber nur ein Land (Brasilien) so gute Spieler zu produzieren vermag, dass Fairplay-Guru Blatter die Integrität des gesamten Fußballsports und besonders des World Cup in „danger“ sieht.

Aber was ist das für eine Gefahr, die wahrscheinlich den weltweiten Standard des Spiels erhöht? Was ist so gefährlich daran, wenn die Säulen der Fußballwelt brasilianischer Art sind? Ist das nicht eine komische Idee von Gefahr?

Reich und doch arm

Um dies zu verstehen, sollte man das ganze einmal von der entgegengesetzten Richtung betrachten. Warum fällt es dem Rest der Welt denn so schwer, kontinuierlich Topspieler zu produzieren? Wären Deutschland, Italien, Spanien und England nicht so unfähig, wäre dies alles kein Thema. Genau diese reichen, aber an Weltklassespielern armen Länder definieren jedoch das ganze Drama.

Obwohl sie Unsummen an Geldern für die Nachwuchsausbildung bereitstellen, obwohl sie wunderbare Trainingszentren bauen, obwohl Jugendtrainer beachtliche Gehälter beziehen, und obwohl sie ganz tolle Trainingssysteme und -methoden entwickeln, bekommen sie es nicht gebacken.

Ausreden gibt es natürlich wie Sand am Meer: Der Rückgang des Schulsports, Adipositas, alternative Freizeitaktivitäten wie ‘Happy Slapping für Idioten mit Basecaps und Nintendo-Vergangenheit. Der Kern des Ganzen liegt jedoch im schlechten Training. Training das zu früh beginnt (meine Schwester fragt mich ständig, bei welchem Klub sie ihren dreijährigen Sohn – der ja so talentiert ist – anmelden kann), Training das Wert auf die falschen Dinge legt (rennen bis das Laktat aus den Ohren tropft), Training das einfach zu sehr Training ist. Möglicherweise ist Training selbst das Problem, weil es mehr kaputt macht, als das es fördert.

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Wie sollte es auch anders sein. Jede Situation in der Erwachsene die Verantwortung tragen, ständig erklären was sie zu tun haben und was nicht, ist zwangsläufig geprägt von Einschüchterung. Die meisten Kinder kommen damit nicht klar; viel lieber würden sie die Sache selber angehen, ihre eigenen Fehler machen und dabei Spaß haben. Nur jede selbsternannte ’seriöse’ Fußballakademie würde dies niemals durchgehen lassen. Ausbildung gibt es nur in instruierten Verabreichungen – trotzdem es keine Beweise für Erfolge durch konzentrierte Belehrung gibt.

Zum Training gezwungen

Ein Blick zurück weist einem oft den Weg in die Zukunft, denn es gibt genügend Beispiele aus der Vergangenheit, dass aus Kindern großartige Spieler ohne angeleitetes Training geworden sind. Garrincha, Pele und Maradona sind nur einige. Aber das war damals und nun ist jetzt. Völlig egal ob ein Kind oder seine Eltern es wollen, es wird trainiert. Und weil die Allgemeinbildung dies als selbstverständlich gut indoktriniert, wird es nach einigen Jahren auch das Kind glauben.

Nur wann können Kinder Kinder sein, fragt sich da manch einer. Sind Verspieltheit, Unabhängigkeit und damit einhergehend - man traut sich gar nicht es auszusprechen – Mangel an Respekt für allwissende Erwachsene nicht der Schlüssel um außergewöhnliche Spieler zu erhalten? Oder mit den Worten von William S. Burroughs gesprochen:

“Denn die einzig wirklichen Spieler sind für mich die Verrückten, die verrückt danach sind zu spielen, verrückt danach zu probieren, verrückt danach, erlöst zu werden und nach allem gleichzeitig gieren - jene die niemals gähnen oder etwas Alltägliches spielen, sondern brennen, brennen, brennen wie bengalisches Feuer in La Bombonera.”

Elementarteilchen

Alles Elementarteilchen, die man niemals in einem Ausbildungsplan finden wird. Solche Eigenschaften sind bedingt durch Lebensweise und Tradition. Sie kommen mehr von fehlender Beeinflussung als von Belehrung. Diese ‘natürlichen’ Entwicklungshelfer sind in Gefahr. In Gefahr durch die tatsächlichen ‘Invaders’, die Fußballschulen und Leistungszentren, die nur so aus dem Boden sprießen um überall das gleiche ‘Qualitätstraining’ anzubieten. Dabei bleibt doch nichts gleich…, das wußten doch schon die Griechen.

Man kann nur hoffen, dass Brasilien und einige andere Länder weiterhin die Entwicklung von individuellen Fußballern erlaubt, anstatt sich an dem Prozess der ‘Fußballroboterproduktion’ zu beteiligen. Und wer weiß, vielleicht wird auch in Deutschland, Spanien, England oder Italien irgendwann einmal jemand so intelligent sein und erkennen, dass man sich bewegen muss.

Anlaß zur Hoffnung gibt – man mag es gar nicht glauben – der DFB mit seinen Projekt ‘1.000 Mini-Spielfelder.

Bis dahin sagt Ihne Ihrn Kruijff vom d11b-Team: Schaun’ mer mal.

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  1. Pillenknick 24. Juni 2008, 18:56

    Schöner Kommentar - man kann dieses ganze Gerede “wir sind keine Brasilianer”, “wir sind keine Portugiesen” nicht mehr hören. Technik und Spiellust hängen doch nicht vom Breitengrad ab. Die Niederlande schaffen es doch auch, immer wieder tolle Spieler wie Snijder nach vorn zu bringen. Die gäbe (und gibt) es hier auch, wenn mann sie lässt …

  2. pille 25. Juni 2008, 10:08

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